Ich weiß nicht so recht, wo das alles hinführen soll. Gerade eben schoss ein Gedanke durch meinen Kopf. Der klägliche Versuch, irgendwie eine heitere Notiz zu meiner aktuellen Stimmung, meiner Situation, meinem Jetzt hinzuzufügen. Ein kleines gelbes Post-It, das aber immer wieder abfällt, weil es noch keiner geschafft hat, Post-Its mit einem Kleber zu versehen, der stark genug ist, an den entsprechenden Oberflächen zu haften, aber auch nachgiebig genug, beim Abreißen vom Block die Haftnotiz im oberen Bereich nicht einzurollen. Ein kläglicher Versuch: Ich sollte Buddhist werden, denn irgendwie habe ich in mir genau das, was doch alle Buddhisten anstreben. Nicht wirklich komisch aber dafür irgendwie treffend. Das Nirvana. Das große Nichts, das für mich immer so etwas wie eine Variable ist. Mehr ein X als ein Nichts. Genau das habe ich in mir und ich kann es spüren. Neben dem X spüre ich allerdings auch das Unvermögen, es in Worte zu fassen. Etwas so ideologisch Großes kann man vermutlich gar nicht in Worte fassen. Man stelle sich ein kleines Kind vor, das zur Visualisierung der Größe der Welt eine weit ausladende Gebärde darbietet. Mit einem ausdrucksstarken Gesicht. So etwas in Worte zu fassen ist unmöglich. Aber so ungefähr ist für mich das X. Es ist mehr und weniger als ein großes Nichts zugleich. Und wenn ich hier X oder Nirvana schreibe, dann ist mir selbst zumindest klar, dass ich damit in Wirklichkeit nicht wirklich eine buddhistische Terminologie verwende, sondern vielmehr auf meine (aktuelle?) Gefühlswelt referenziere. Geräuschlich könnte man sich dieses X vielleicht vorstellen wie das in die Länge gezogene Zischen eines Pfeiles, der direkt an der eigenen Nasenspitze vorbeizieht, das imaginär schmerzhafte Gefühl des Getroffenseins an der Oberlippe zurücklässt und mitsamt diesem einen endlos lauten Nachhall des Zischens – scharf, stechend, eindringlich, gewaltig. Und doch ein kleines Nichts von Geräusch.
Irgendwie befindet sich dieses X gerade direkt unter meinem Brustbein. Das allerdings nur zur Lokalisierung des nach Explosion drängenden Vakuums. Eigentlich ist es überall. In all seinen Aspekten: Schmerz, Verlustangst, Niedergeschlagenheit, Angst vor der Zukunft, Angst vor diesem, Angst vor jenem, Angst vor … mir selbst. Und Schuldbewusstsein. Aber das hat mit X gar nicht mehr so viel zu tun. X ist übrigens nicht allein in mir. Es gibt noch mindestens 25 weitere Freunde von X, die auch immer wieder ihre tägliche oder wöchentliche Ration an Aufmerksamkeit einfordern. Und das mit einiger Vehemenz. Es ist allerdings nicht so, dass die Anderen gute Freunde wären. Sie bitten X nicht, kurz zurückzutreten, sie springen X auf die Schulter, vergrößern X dadurch und bekommen durch das (durch die Klageschreie von X) vergrößerte Bewusstsein um X eine drastisch verstärkende Rolle.
X ist nicht nur eine Variable in mir, sondern zu allem Überfluss eine Konstante in meinem Leben.