2010-07-09

Ende der Zeiten des Stillstandes

Als mich soeben – mitten in der Nacht – der Wunsch überfiel, etwas Großes zu veranstalten, musste ich an meinen Füllfederhalter denken, den ich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr in der Hand gehalten hatte. Mit ihm wollte und sollte ich jetzt etwas Großes machen. Endlich wieder etwas tun, in einer Zeit des Stillstandes. In einer Zeit, in der nichts vorangeht, sich alles entweder umsichtig auf der momentanen Position befindet oder aus unerfindlichen Gründen leicht taumelnd sich im Kreise bewegt. Gegen diese Leere wollte ich jetzt anschreiben. Aber da mein Füllfederhalter schon so lange Zeit nicht mehr gebraucht wurde, musste ich ihn erst reinigen. Zumal ich zuletzt mit (rußhaltiger) schwarzer Tinte geschrieben hatte. Die Verkäuferin im Schreibwarenladen, in dem man sich vermutlich heute noch nach dem Befinden meines Schreibgerätes erkundigen würde, riet dazu, in regelmäßigen Abständen die Feder über Nacht in warmes Wasser zu geben um die Tintenreste im Innern aufzulösen und ein Verkrusten der Neuanschaffung zu vermeiden. Damals schon beschäftigte ich mich mit der Frage, ob ich die ganze Nacht hinüber dafür Sorge zu tragen habe, dass das Wasser warm bleibt. Ich hatte allerdings nicht den Elan und die Geduld, auf warmes Wasser zu warten, weshalb ich einfach lauwarmes in ein Glasgefäß gab und die Feder darin versenkte, die sofort schwarze Tintenschwaden spuckte, die beinahe bedrohlich zum Teil aufstiegen, zum Teil aber über den Boden glitten um sich anschließend dort niederzulassen. Eine Blutlache aus schwarzen Tintenresten. Ein Tod sozusagen. Es wäre ein Tod, wenn er nicht so offensichtlich scheinbar wäre. Hier ist das Fortkommen angestrebt. Das Ende der Zeiten des Stillstandes. Die starren Starrenden werden umgeworfen und den taumelnd Kreisenden wird ein Bein gestellt. Beide Gruppen liegen auf dem Boden und blicken empört auf um zu erfahren, was genau ihnen widerfahren ist und wer genau dafür verantwortlich ist. Sie blicken auf und sehen – mich. Mich, wie ich triumphierend vor ihnen stehe und sie wissen lasse, dass von nun an alles anders werden soll. Denn heute ist ein guter Tag um Pläne zu schmieden, die das Individuum ganz weit nach vorn bringen würden. Und zwar bis ganz kurz vor das Ziel. Erwartungsgemäß ist mit Rückschlägen zu rechnen, aber ein umwerfender Rückschlag wird hingenommen, die kleinen Steinchen aus der Wunde am Knie, die man sich durch den Sturz zugezogen hat, werden entfernt; der Staub von der Kleidung wieder abgeklopft und dann geht es weiter. Nicht in der momentanen Stellung starrend und über den Rückschlag verzweifelnd. Und schon gar nicht wirr um den Ort des Unfalls kreisend, im festen Glauben, dass es sich um das Schicksal handeln müsse, das nicht etwa einen Rückschlag, sondern ein Zeichen sandte. Hier soll ich sein, hier ist es gut. Dieser Irrglaube führt nur zu weiteren irrsinnig dummen Stürzen, die kein Mensch gebrauchen kann und noch viel unnützer sind als die eingebildete Fortbewegung. Nein, ich werde Fortschritt durch Fortschreiten verkünden und mit allem brechen, was vorher – vor mir? – passiert ist. Aufbruchsstimmung brodelt in mir und ich spüre, dass es vorwärts gehen muss. Vorwärts, vorwärts, vorwärts, Rückschlag, aufstehen, Wunde reinigen, das Ziel nicht aus den Augen verlieren und die ganze Zeit dabei mit blauer oder schwarzer Tinte über verdächtig jungfräuliches Papier mit abgegriffenem Rand Spuren seines Fortkommens hinterlassen. Vorwärts, vorwärts, vorwärts. Das Ziel stets vor Augen. Etwas Großes soll kommen. Etwas Großes wird kommen. Jetzt oder später. Das Wann ist gleichgültig. Ich laufe also jetzt hinüber und spüle meine Waffe für das Ende der Zeiten des Stillstandes noch einmal gründlich aus, bevor ich sie durchlade und anfange, Spuren zu hinterlassen. Spuren sind wichtig. Sie helfen dabei, nicht zu vergessen, wo man herkommt, wo man hin will und was man bislang auf seinem Weg erreicht hat.
Vorwärts, vorwärts, vorwärts …

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ob man um Spuren zu hinterlassen einen Tintenfüller benötigt... . Vielleicht um 02:48 und wenn der Papi keine Sportwaffen im Schrank gelagert hat.


Nein, man(n) sollte auch um 02:48 keine Spuren von Tintenfüllern benötigen. Um diese Uhrzeit lieber einen guten Hengst, dann hat man genug für die Nacht hinterlassen (das letzte Wort ist so etwas von Doppeldeutig)

hp