2011-06-22
Vor Kurzem hat es sich ergeben, dass ich mit einer Freundin Schutz vor Regen suchend in einem Hauseingang saß und mir Antony anschaute. Antony ist ein attraktiver, junger 1er-BMW und stand da gerade so in der Nähe des Ostbahnhofs herum, weil er ein Carsharing-Auto von Drive Now ist. Das hat nichts mit der Sache zu tun, aber ich wollte es nicht unerwähnt lassen.
Während wir so da saßen und Antony betrachteten, schob sich eine ziemlich alte Frau zwischen ihm und seinem Vordermann vorbei und ich sagte zu meiner Freundin: "Die macht Antony kaputt!", was zwar nicht der Wahrheit entsprach, aber eine nette semidramatische Pointe ergab. Mit winzig kleinen Schritten kam die Frau im schwächer gewordenen Regen auf uns zu und fragte, ob wir ihr vielleicht helfen könnten, woraufhin wir ein wenig zögerten, da die Frau eigentlich nicht sonderlich hilfsbedürftig aussah und gemeinhin nur einen alten Eindruck machte. Sie schilderte uns kurz, dass sie Angst habe, es nicht die Treppen zu ihrer Wohnung hinauf zu schaffen und konfrontierte uns noch etwas überraschend mit der Frage, warum wir denn da rumsitzen. (Als ob Jugendliche und Heranwachsende nachts um halb zwei etwas Besseres zu tun hätten!)
Wir sahen uns an, schätzten das Gefahrenpotential, das von dieser Omi ausging, als relativ gering ein, mussten zwar eigentlich beide dringend mal... na ja, egal ... und sahen die große Gelegenheit, mal etwas Gutes für einen anderen Menschen zu machen, weshalb wir letzten Endes zusagten und fragten, wo sie denn wohne. Mit dem gerade erst geholten Essen vom Chinamann in der einen Hand zeigte sie kurz und abwesend auf die andere Straßenseite, nachdem sie sich noch einmal über Antony wunderte und über die Tatsache, dass dieses Auto einen Namen hatte. Wir ließen sie zu ihrer Haustüre vorgehen und meine Freundin (nennen wir sie der Einfachheit halber wahrheitsgemäß Juli) fragte mich skeptisch, ob die Gute betrunken sei, was ich in Hinblick auf das ziemlich hohe Alter der Dame mutmaßend verneinte...
An der Haustür angekommen, kramte die Alte in ihrer Tasche herum, zog auffällig leise ihren Schlüsselbund heraus und streckte Juli den Haustürschlüssel entgegen, nachdem sie ihn gefunden hatte.
Tür auf, Gepäck im Treppenhaus abgestellt, Juli vorweg, die alte Tante in unserer Mitte, ich hinterher. Denn ich hätte sie immerhin noch auffangen können, wenn sie wirklich umgekippt wäre. Erwartungsgemäß musste die Omi also in der obersten Wohnung im fünften Stock wohnen, was ihr die Möglichkeit einräumte, unterwegs mehrfach Informationen über ihren Status loszuwerden: Zuerst informierte sie uns darüber, dass sie einen Todesfall hatte, winkte dann ab, ging weiter, drehte sich auf dem nächsten Treppenabsatz zu mir um, sagte mit zitternden Händen, sie habe Angst, beugte sich zu allem Überfluss auch noch über das Geländer und sah mich an, als könnte ich irgendwas an ihrem Zustand ändern. "Wir sind ja da...", hab ich einfach gesagt und sie bewogen, weiterzugehen. Tatsächlich haben wir es dann geschafft, die laut knarzende Holztreppe bis zur obersten Etage zu erklimmen und fragten die Frau mehrfach, ob wir ihr nicht einen Krankenwagen holen sollen... Sie verneinte und wies darauf hin, das könne sie später auch noch selber machen.
Stattdessen zwängte sie uns noch ein Gespräch auf, in dem ich mich als fleißiger Germanistik-Student ausgab, der sehr gute Möglichkeiten hätte, in einem Verlag unterzukommen. Die Wahrheit hätte sie eh nicht verstanden. Ihre Reaktionen auf meine Lügen waren: "Germanistik ist scheiße!" in mehrfacher Wiederholung und "Das ist eine beschissen arrogante Aussage, die Sie da treffen." Und so langsam wurde mir die Omi unsympathisch und wir wollten sie am liebsten schnell loswerden.
Sicherheitshalber fragten wir noch, ob sie jemanden daheim hätte. Immerhin brannte Licht in ihrer Wohnung, die sie in der Zwischenzeit schon aufgeschlossen hatte, nachdem sie zweimal das Schlüsselbund fallen ließ. Ihr Mann sei Pilot, sagte sie, und der käme so gegen vier wieder nach Hause. Das nahmen wir einfach erstmal so hin und dachten uns erst später, dass in unser aller Interesse kein Mensch der Welt in diesem Alter noch Pilot sein sollte. Uns dämmerte, wer dieser Todesfall gewesen sein mochte, und mutmaßten, dass dieser auch schon zwei Jahre zurückliegen konnte...
Schlussendlich erklärte uns die alte Frau, vor der wir uns mittlerweile richtig gruselten, dass sie selbst Germanistik studiert habe und mit geistig behinderten Kindern gearbeitet hätte. Zwölf oder dreizehn Jahre. Das wusste sie nicht mehr so genau. "Und man sieht ja, was das aus einem macht..." Mit einer kurzen, gleichgültig-schicksalsergebenen Handbewegung deutet sie auf sich: "... Alkoholikerin!" und stolpert in ihre Wohnung, dankt uns vielmals, lehnt erneut den Krankenwagen ab und schließt die Tür hinter sich.
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